Das darf doch nicht wahr sein

Eigentlich hätte Murphy es wissen müssen. Doch obwohl er seine Tätigkeit als Wächter und zweiter Rudelführer sehr ernst nahm und Herrchen in jeder Form unterstützte, was der nicht immer mit der gebührenden Hochachtung vergalt, ahnte er nicht was auf ihn zu kam.
Es fing so harmlos an: Eines Abends hörte der Dackel ungewohnte Geräusche im Garten. Zunächst spitzte er nur die Ohren, aber als er dann auch noch einen Schatten an der Terrassentür vorbeihuschen sah, hielt er es für angebracht, einmal nach dem Rechten zu schauen. Sofort meldete er seinem Herrchen, dass er beabsichtigte, einen Kontrollgang durch den Garten zu machen, was dieser zwar murrend, aber türöffnend zur Kenntnis nahm. Draußen roch es irgendwie seltsam, so als wenn sich ein fremdes Lebewesen in seinem Territorium befinden würde.
Murphy ging der Sache auf den Grund und stürzte sich laut bellend in das Gebüsch, in dem er den Eindringling vermutete. Herrchen schien auch beunruhigt zu sein, denn er folgte auf dem Fuße.
Richtig vermutet, da bewegte sich etwas! Doch ehe Murphy sich auf das kleine, jämmerlich maunzende Etwas stürzen konnte, kam ihm Herrchen zuvor. Vorsichtig hob er den Eindringling hoch und trug ihn ins Haus.
„Schau mal, Angie, da war ein Kätzchen im Gebüsch und Murphy hat es gefunden!“
Das Ding hieß also ‚Kätzchen‘ und wenigstens bekam er ein wenig Anerkennung, denn Frauchen kraule ihn hinter dem Ohr, wobei sie allerdings seinem Fund wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkte. Murphy seufzte und machte es sich wieder auf seiner Decke bequem. Für heute hatte er genug Leistung gebracht.

Kätzchen blieb, störte ihn aber nicht weiter. Es verpennte den Tag, blieb meist die ganze
Nacht aushäusig und ließ ihn mit auf seinem Kissen schlafen.

Auch schmeckte das Zeug, welches Frauchen in Kätzchens Napf füllte recht gut und er naschte öfter davon.
Der nächste Zugang war da schon ein dickerer Brocken, denn Idefix zog in der oberen Wohnung ein.
Mit ihm kamen Stefan und Franziska. Nicht
nur, dass der Typ jünger und wesentlich größer war als Murphy, er hatte zu
allem Überfluss auch noch größere Ohren! Was, wenn der Jungspund sich Murphys verantwortungsvolle
Aufgabe als zweiter Rudelführer und Wachschutz unter den Nagel reißen würde?!
„Wehret den Anfängen“, unter diesem Motto stellte der Dackel klar, wer hier das Sagen hatte und knurrte Idefix bei jeder sich bietenden Gelegenheit kräftig an. Bald ließen Stefan und Franzi ihren Hund in der Wohnung, wenn sie zu einer Stipvisite nach unten kamen. Das hatte er gut hingekriegt – Murphy war's zufrieden.
Dach was dann kam ….. wirklich ….. genug ist genug!

Gerade hatte er es sich auf dem Sofa bequem gemacht, denn das war in Abwesenheit des Rudelführers sein Platz, als auch schon die Eingangstür aufgeschlossen wurde. Kätzchen, das wohl in diesem Fall bessere Sensoren hatte als der stellvertretende Rudelführer, ging erst einmal in Deckung.

Herrchen und Frauchen waren schon von ihrem Ausflug zurück und Frauchen trug etwas im Arm.
„Murphy, schau doch mal“, rief sie.
„Futter“, dachte Murphy und kann freudig schwänzelnd
näher. Doch was er dann sah verschlug ihm die Sprache. Frauchen trug einen
Welpen im Arm, der ihn vorsichtig anblinzelte.

„Das ist Emma, jetzt hast du Gesellschaft!"
Danke, auf eine solche Gesellschaft konnte Murphy wirklich verzichten. Ein Hundekind, das ihn ständig nerven würde, vor dem er sein Futter verteidigen müsste und das überall herumwuseln würde…noch ein weiteres törichtes weibliches Wesen, auf das es aufzupassen galt…
Mit einem tiefen Seufzer legte sich Murphy auf seine Decke und genoss die letzten ruhigen Minuten. Er blinzelte zu Herrchen hoch und der blinzelte zurück. Was hatte er für ein Glück, einen so verantwortungsvollen Stellvertreter sein Eigen nennen zu können. Murphy würde sein Bestes geben, auch wenn das nicht immer leicht sein würde.

…und manchmal ist ja auch ganz schön, ein Mädchen bei sich zu haben.